Hinter den Kulissen der globalen Sicherheit: Die SSI / ISO Harmonisierung für Rebreather-Ausbildungen (April 2024)
Ein exklusiver Einblick in die Woche, die das technische Tauchen weltweit verändert hat.
Wie SSI als erster Verband weltweit die ISO-Zertifizierung für alle SCR- und CCR-Level erreichte – und warum diese Gasdichte-Tabellen in unseren Seen durch falsche Sicherheit lebensgefährlich sein können.
Einleitung: Eine Woche, die Maßstäbe setzte
Vom 01. bis zum 07. April 2024 blickte die Welt des technischen Tauchens auf eine kleine Insel in der Kvarner Bucht. Auf der Tauchbasis von Andreas Kron auf der kroatischen Insel Rab fand ein Ereignis statt, das weit über gewöhnliche Verbandsarbeit hinausging. Es war der Höhepunkt monatelanger Vorbereitungen und der Startschuss für eine neue Ära der Sicherheit im Umgang mit Kreislaufgeräten (Rebreathern).
Das Ziel war ebenso ambitioniert wie historisch: Scuba Schools International (SSI) strebte an, als erste Tauchausbildungsorganisation weltweit alle Rebreather-Programme – sowohl Semi-Closed Circuit Rebreather (SCR) als auch Closed Circuit Rebreather (CCR), vom Einstiegs-Schülerlevel bis hinauf zum Instructor – offiziell nach den strengen Vorgaben der ISO-Normen zu zertifizieren.
Als Taucher vertrauen wir unser Leben der Technik, den Gasen und vor allem unseren erlernten Automatismen an. Wenn wir in den Bereich des hypoxischen Trimix-Tauchens vordringen, verzeiht das System keine Fehler. Genau aus diesem Grund sind globale Standards keine bürokratische Schikane, sondern essenzielle Überlebenswerkzeuge. Dieser Artikel nimmt euch mit hinter die Kulissen dieser intensiven Harmonisierungswoche. Er zeigt, wie Normen entstehen, wie akribisch Skills unter Wasser analysiert werden und warum wir in Zukunft unsere Gasplanung grundlegend überdenken müssen.
Das Team: Expertise aus Theorie und Praxis
Ein Projekt dieser Größenordnung lässt sich nicht am grünen Tisch in einem fernen Büro entscheiden. Es erfordert die Präsenz von Menschen, die täglich mit der Materie arbeiten, sie unterrichten und sie prüfen. Die Harmonisierung auf Rab brachte genau diese Köpfe zusammen.
Vor Ort wurde das Projekt von Andreas Kron, dem SSI XR International Training Director, mit unermüdlichem Einsatz und messerscharfem Fokus geleitet. Seine Tauchbasis bot die perfekte logistische Infrastruktur für dieses anspruchsvolle Vorhaben. Die offizielle Auditierung und Überwachung lag in den Händen der erfahrenen ISO-Kommissare Martin Denison und Steffen Scholz. Ihre Aufgabe war es, mit strengem und unbestechlichem Blick jeden Satz in den Manuals und jede Flossenbewegung unter Wasser auf Konformität mit den internationalen Normen zu prüfen.
Ich selbst durfte meine Expertise als SSI Technical Instructor Trainer und CCR Hypoxic Trimix Instructor in dieses hochkarätige Team einbringen. Meine Rolle bestand darin, die Brücke zwischen den abstrakten Normtexten und der knallharten Realität der hCCR-Ausbildung zu schlagen. Wie verhält sich ein Schüler unter Stress? Sind die geforderten Standards didaktisch so aufgebaut, dass sie im Notfall intuitiv abrufbar sind?
Während wir vor Ort in Kroatien die praktische und theoretische Schwerstarbeit leisteten, wurde das Projekt im Hintergrund auf Management-Ebene massiv gestützt. Guido Wätzig (SSI CEO) und Adam Wood (SSI XR International Training Director) begleiteten den Prozess strategisch, um sicherzustellen, dass die Implementierung der neuen Standards weltweit reibungslos in die digitalen und physischen Lehrmittel von SSI integriert werden konnte.
Der Alltag der Harmonisierung: Kein typischer 9-to-5 Job
Wer bei dem Wort “Kommission” an entspannte Meetings bei Kaffee und Gebäck denkt, wird bei einer ISO-Zertifizierung im technischen Tauchen schnell eines Besseren belehrt. Die Tage vom 1. bis zum 7. April waren geprägt von extremer Intensität und einer Arbeitslast, die uns alle an unsere Grenzen brachte.
Die Tage endeten nicht klassisch um 18:00 Uhr nach dem letzten Tauchgang. Unser Ablauf glich einem Hochleistungscamp:
- Die Theorie-Einheiten: Jeder Tag begann mit umfangreichen Präsentationen. Wir nahmen die bestehenden SSI-Standards und legten sie deckungsgleich über die ISO-Anforderungen. Wo gab es Abweichungen? Wo war SSI bereits strenger als die ISO? Wo mussten Formulierungen geschärft werden, um Interpretationsspielräume weltweit zu eliminieren?
- Die Praxis unter Beobachtung: Das Herzstück der Woche waren die täglichen Tauchgänge. Dies waren keine simulierten “Trockenübungen” unter Profis. Wir führten die Kurse mit realen Schülern durch. Jeder Handgriff, jedes Briefing, jede Unterwasser-Demonstration wurde unter den wachsamen Augen der ISO-Repräsentanten Martin Denison und Steffen Scholz durchgeführt. Es gibt keinen stärkeren Stresstest für ein Ausbildungssystem, als echte Schüler mit echter Ausrüstung unter den Augen der weltweiten Normungshüter auszubilden.
- Die Nachtschichten: Wenn die Anzüge im Trockenraum hingen, begann die eigentliche Feinarbeit. Die Erkenntnisse des Tages wurden zusammengetragen. Wir filterten Standardunterschiede heraus, glichen didaktische Ansätze an und bereiteten die Evaluierungen für den nächsten Tag vor. Es waren lange Nächte auf Rab, geprägt von tiefgreifenden Diskussionen über Gasmanagement, Bailout-Strategien und psychologische Belastungsgrenzen.
Ließ hier mehr zu den Erkenntnissen zur Bailout-Planung und den “falschen” Werten.
Mikroskopische Skill-Analyse: Sicherheit im Detail
Ein zentraler Aspekt der Harmonisierung war die Evolution der praktischen Skills. Beim Rebreather-Tauchen unterscheidet sich ein exzellenter Taucher von einem durchschnittlichen Taucher nicht dadurch, wie gut er im Normalbetrieb taucht, sondern wie er auf Systemausfälle reagiert.
Während der Tauchgänge wurde jeder einzelne Skill mikroskopisch analysiert. Wie genau wird der Bailout-Vorgang eingeleitet? Wie lange dauert es, bis der Schüler von der Loop auf das offene System wechselt? Wird der PPO2 im Hintergrund weiterhin effektiv überwacht? Wir hinterfragten jeden etablierten Ablauf mit einer einzigen Zielsetzung: Was können wir in Bezug auf die Sicherheit noch verbessern?
Die ISO-Normierung zwingt ein Ausbildungssystem dazu, absolut konsistent zu sein. Ein SSI CCR Trimix Instructor in Österreich muss einen Skill exakt mit der gleichen Präzision, denselben Sicherheitsabständen und denselben Kontrollmechanismen unterrichten wie ein Instructor in Florida oder Ägypten. Diese globale Einheitlichkeit ist der wahre Wert der ISO-Zertifizierung, den SSI als Vorreiter nun flächendeckend für SCR und CCR etabliert hat.

(Die harte Praxis: Alle harmonisierten Skills wurden in Kroatien mit realen Schülern und kompletter Trimix-Ausrüstung im Wasser überprüft.)
Im Fokus der Harmonisierung: Das neue ISO-Regelwerk
Während der Woche auf Rab wurden die Ausbildungsstrukturen nicht nur oberflächlich angeglichen, sondern mikroskopisch auf den folgenden internationalen ISO-Standard-Katalogen für das Rebreather-Tauchen neu aufgebaut:
- 🔗 ISO 24804 (SCR) und ISO 24804 (CCR):
Ausbildung für Rebreather-Taucher – No-Decompression (30m) - 🔗 ISO 24805 (SCR) und ISO 24805 (CCR):
Ausbildung für Rebreather-Taucher – klassisches Dekompressionstauchen (45m). - 🔗 ISO 24806 (CCR Normoxic Trimix):
Advanced Decompression Ausbildung für Rebreather-Taucher bis 60 Meter. - 🔗 ISO 24807 (CCR Hypoxic Trimix):
Die Königsklasse – Rebreather-Dekompressionstauchen bis 100 Meter. - 🔗 ISO 24808 (XR Professional):
Globale Anforderungen und Qualifikationen für das Rebreather Instructor Training.
Diese Normen definieren ab sofort die unumstößliche Basis für jedes Brevet, das bei Diving Beyond Limits und allen SSI-Zentren weltweit ausgestellt wird.
Der Paradigmenwechsel: Die Wahrheit über die Gasdichte
Einer der fachlich gravierendsten Punkte, die während der ISO-Evaluierung und der Harmonisierung zutage traten, betrifft ein Thema, das in der breiten Tauchergemeinschaft leider oft völlig unterschätzt wird: die korrekte Berechnung der Gasdichte im kalten Bergsee. Warum alte Literaturwerte hier lebensgefährlich sind, haben wir in unserem neuen Deep-Dive-Artikel für euch zusammengefasst.
Jeder technische Taucher weiß, dass ein zu dichtes Atemgas die Work of Breathing (WOB), also die Atemarbeit, drastisch erhöht. Ein hoher Atemwiderstand führt unweigerlich zu einer CO₂-Retention (Hyperkapnie) – der Auslöser für fatale Fehlerketten in der Tiefe. Doch wie berechnen wir die Gasdichte fundiert?
In der Standardliteratur werden oft Referenzwerte verwendet, die auf unterschiedlichen Drucknormen basieren. Für die präzise Planung technischer Tauchgänge ist es essenziell, zwischen dem klassischen 1 ATA (1,01325 bar) und dem normierten ISO-Standard (1,000 bar STPD) zu unterscheiden. Unsere Berechnungen basieren konsequent auf den ISO-STPD-Werten (Standard Temperature and Pressure Dry) bei 0 °C, da sie das einzig verlässliche Fundament für das Tauchen in unseren heimischen Gewässern bilden.
| Gasart | Dichte bei 1,000 bar (ISO STPD, 0 °C) [g/l] | Dichte bei 1 ATA (1,01325 bar, 0 °C) [g/l] |
|---|---|---|
| Sauerstoff (O₂) | 1,4102 | 1,4290 |
| Stickstoff (N₂) | 1,2346 | 1,2510 |
| Helium (He) | 0,1764 | 0,1785 |
| Luft (Air) | 1,2714 | 1,2930 |
Hinweis zur Tabelle: Die Präzision der ISO-STPD-Werte ist für die Planung von Trimix-Gemischen (z.B. Tx 10/70) unerlässlich. Wer die empfohlene maximale Gasdichte von 5,2 bis 6,2 g/l (WOB-Limit) überschreitet, setzt sich unnötigen Risiken aus. Physikalisch korrektes Planen ist bei technischen Tauchgängen keine Option, sondern eine lebensnotwendige Sicherheitsmaßnahme.
Der “Human Factor”: Warum Perfektion der Standard sein muss
Die intensive Woche in Kroatien hat eines ganz deutlich gezeigt: Technik versagt selten von allein. Es ist fast immer der Mensch, der durch fehlerhafte Einschätzung, Stress oder fehlendes Training den Grundstein für einen Unfall legt. In der Unfallforschung sprechen wir hier von der Fehlerkette (Error Chain).
Indem SSI als weltweit erster Verband seine Rebreather-Ausbildungen kompromisslos nach den ISO-Normen zertifizieren ließ, wurde ein gigantisches Sicherheitsnetz gespannt. Dieses Netz besteht nicht aus Seilen, sondern aus Standard-Operating-Procedures (SOPs). Wenn ein Taucher unter Stress gerät – beispielsweise bei einem Hypoxie-Alarm in 80 Metern Tiefe –, darf er nicht anfangen müssen nachzudenken. Er muss handeln. Und dieses Handeln muss durch hunderte Wiederholungen nach absolut sicheren, genormten Maßstäben in sein Muskelgedächtnis übergegangen sein.
“Die Harmonisierung war kein Akt der Bürokratie, sondern ein Akt der Verantwortung. Wenn wir Schüler in Umgebungen bringen, die für menschliches Leben nicht gemacht sind, schulden wir ihnen die beste, sicherste und fundierteste Ausbildung, die physikalisch und didaktisch möglich ist.”
Fazit: Was bedeutet das für deine Ausbildung in Österreich?
Am 7. April 2024 traten wir die Heimreise von der Insel Rab an. Im Gepäck hatten wir nicht nur die Gewissheit, Teil eines historischen Meilensteins in der SSI-Geschichte gewesen zu sein, sondern auch ein völlig neu geschärftes Bewusstsein für die Verantwortung unserer täglichen Arbeit als Ausbilder.
Für euch als (angehende) technische Taucher bedeutet dieser Erfolg eine massive Aufwertung eurer Zertifizierungen.
Wer heute ein SSI SCR oder CCR Brevet in den Händen hält, trägt einen weltweit anerkannten Qualitätsnachweis, der den höchsten Prüfinstanzen standgehalten hat.
Bei Diving Beyond Limits in St. Pölten profitiert ihr ab sofort direkt von diesem Insider-Wissen. In unseren Rebreather-Kursen – vom Schnuppertauchen über rEvo Crossover bis zum Hypoxic Trimix Programm am Traunsee und Attersee – lehren wir nicht nur stur nach Buch.
Wir vermitteln euch die Hintergründe, die harten physikalischen Realitäten (wie die STPD Gasdichten) und die Philosophie hinter den ISO-Standards. Denn nur ein Taucher, der versteht, warum eine Regel existiert, wird sie im Ernstfall auch zu seinem eigenen Schutz instinktiv anwenden.
Technisches Tauchen ist ein ständiger Lernprozess. Die ISO-Harmonisierung 2024 war ein gigantischer Schritt vorwärts für die globale Tauchcommunity. Und wir sind stolz darauf, diesen Weg an vorderster Front mitgestaltet zu haben.
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